Fields of the Nephilim auf dem Amphi Festival 2009

Kurz nach 20 Uhr. Mit meinem alten FOTN T-Shirt stehe ich in einem Pulk weiterer. Einige Leute tragen Hüte.

Links neben mir sitzt ein Kind mit Ohrenschutz auf den Schultern seiner Mutter. Zwei Männer unterhalten sich begeistert: „Ich bin jetzt 39 und ich mag sie immer noch.“ „Ich war auf diesem oder jenem Konzert.“ „Echt! Da wollte ich auch hin.“ „Der Carl ist noch genau wie früher.“ „Wenn ich die im Auto höre, fühl ich mich wie früher.“ „Ja, 20 Jahre jünger.“ Ja, da kann ich mich mitfreuen. Aber nebenbei im Auto hören? Sakrileg! Lies meinetwegen die Bibel beim Autofahren aber nicht die FOTN! Und sich wie früher fühlen? Was habt ihr die 20 Jahre dazwischen gemacht? Okay, die ersten 10 Jahre habe ich täglich noch mindestens eine FOTN CD konzentriert durchgehört, jetzt nur noch alle ein bis zwei Wochen.
„Hast Du Mini-Carl gesehen?" Der, der aussieht wie Carl McCoy, nur einen Kopf kleiner. Den hatte ich gesehen und für Carl gehalten. Ich Dussel. Na, Carl würde ihn während des Konzert auch zu sehen bekommen. Auf den Schultern eines anderen aus dem Publikum herausragen. Muss ein komisches Gefühl sein, bei einem Konzert seinem Ebenbild ins Gesicht zu blicken. Aber Mini-Carl ist sicherlich bei jedem Konzert dabei, also ist er´s gewohnt.

Jemand vorne wirft das klassische Staubsubstitut Mehl in die Luft. Hehe. Nebel zieht auf und lässt die Bühne verschwinden.

Schon schön so 'n Nebel. Na, wenigsten kommt hier nicht Captain Blake („John Carpenters The Fog“) raus.

Mit dem Nebel kommen die Musiker und spielen ein obligatorisches Intro.

Dann kommt Carl und sie spielen „Straight to the Light“, den zweiten Titel des letzten Albums, dessen Aufnahme ich zusammen mit dem dritten Titel für ein wenig misslungen produziert hielt. Diese Version hier ist besser. Treibender Bass.

Danach singt Carl ohne Sonnenbrille weiter. 
FOTN sind jetzt hauptsächlich Carl und die Namen der Mitglieder seines Begleitquintetts finden nirgends Erwähnung. Die Bühnenaufstellung ist klassisch: Von links nach rechts Gitarre, Vocals, Gitarre, Bass, Drums im Hintergrund. Die Posen von früher, aber der Sound hat nicht die gleiche messerscharfe Präzision der Originalbesetzung und dieses sich gegenseitige zuspielen. Aber es ist besser als nichts.

Zwei Dinge verstehe ich nicht: Warum Leute am Anfang eines Songs von vorne nach hinten verschwinden während Carl predigt und warum sie während des Konzerts rauchen. Wenn man sich als Nichtraucher dann eine Filtermaske überzieht ist es ihnen auch nicht recht: „Oh, nein. Bitte nicht.“ nölt der konservativer Snob rechts neben mir. Das sah für ihn dann doch zu sehr nach dem Electronic Zeug aus der Rheinhalle nebenan aus. Stöhn! Wieder einer dieser Daserinnertmichanmeinejugendvorzwanzigjahren-Typen. Atemmasken aber sind nicht ohne Präzedenz: Das Video zu „Preacher Man“ wo die Leute mit Masken vor Carl niederknien oder der Anfang von „Hardware - M.A.R.K. 13“ wo Carl mit einer Maske durch die Wüste geht. Wenn es nach mir gegangen wäre hätten wir alle Masken getragen und wären alle auf dem Boden vor Carl niedergekniet. Aber es wollen ja alle lieber Carl sein. Aber die Band lies sie und tauschte die Gitarren nicht gegen Knarren ein.

Mitsingen konnte der konservative Snob auch nicht. Okay, es ist für nicht englische Muttersprachler auch ein wenig schwierig den Text bei Carls tiefkehligem Gesang zu verstehen oder die kalligraphisch verschnörkelten Texte auf fields-of-the-nephilim.co.uk zu entziffern. Mein Favorit zu „Slow Kill“ ist immer noch der Franzose vor ein paar Jahren, der das Lied für eine Ode an Jean Darc hielt weil er „Now Joan“ verstand. Heißt aber: „Now jump“. Und zwar von der Brücke. Aber es sang keiner mit oder sah so aus, als wolle er von einer Brücke springen. Das ist eigentlich auch immer das interessante an FOTN gewesen. Der leicht esoterische Progressive Rock der Band und das düstere, kehlige von Carl McCoy.

Gegen „Last Exit For The Lost“ schob sich dann ein Übervierziger mit drogeninduzierter Gleichgewichtsstörung, keine Ahnung ob es Alkohol, Joints oder Religiosität war, vor mich und wedelte mit den Armen vor meiner Nase in Richtung Bühne herum. Aber den Rest seiner Selbst hatte er der Musik übergeben, so sollte es sein! Und er konnte den Text mitsingen! Oh Lord, praise! (Publikumszwischenruf auf dem Bootleg „Dark Fields“.)

Dann war alles plötzlich zu Ende. Grüppchen von Leuten in Fields T-Shirts blieben noch etwas länger. Nun konnte man sich auch den Mini-Carl noch einmal genauer Anschauen. Auf der rechten Schulter hatte er Carl den Prediger aus dem Video „Preacher Man“ tätowiert, wie er seine Metallklaue ins Publikum streckt, auf der anderen Schulter ein anderes Motiv von Carl. Ich bin mir aber nicht sicher, wessen Gesicht der Tätowierer als Vorlage genommen hat, das von Carl und das von Mini-Carl.

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